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Interkulturelle Kompetenz in der Polizei
Dr. Marwan Abou-Taam, Die Polizeiarbeit erfährt durch strukturelle Veränderungen der Gesellschaft eine zunehmende Veränderung ihres Aufgabenspektrums und damit ist sie Auswirkungen ausgesetzt, die das innere Gefüge der Polizei und das Selbstverständnis von Polizistinnen und Polizisten betreffen. Anhand von Bevölkerungsvorausberechnungen und Projektionen des Statistischen Bundesamtes ist abzulesen, dass ab dem Jahr 2020 die bundesdeutsche Bevölkerung von 81 Millionen auf ca. 75 Millionen zurückgehen, wobei der Anteil der über 60-jährigen auf etwa 36 Prozent der Gesamtbevölkerung steigen wird. Die daraus resultierende Bevölkerungsstruktur ist eine feste, kurzfristig kaum veränderbare Größe. Nicht nur die Altersstruktur in Deutschland wird sich massiv ändern, sondern auch die gesellschaftliche Zusammensetzung. In diesem Zusammenhang muss man zunehmend feststellen, dass Deutschland ein Zuwanderungsland ist. Mittlerweile leben hier mehr als zwölf Millionen Menschen, die nicht in Deutschland geboren wurden oder nicht die deutsche Nationalität besitzen. Sie sind aus nahezu allen Ländern und Kulturen zugewandert. Zahlen Soziale Kompetenz - interkulturelle Kompetenz Sowohl die Selbstwahrnehmung innerhalb der Polizei als auch der politische Auftrag erfordern eine bürgernahe Polizeiarbeit, die durch ihre Bürgerorientierung und die damit verbundene Verlagerung von Entscheidungsbefugnissen in die vorderste Linie bestimmt sind. Dadurch ergibt sich eine der wichtigsten Herausforderung in der Polizeiarbeit, denn die Bürgernähe und das demokratische Selbstbild bedürfen die Stärkung der Problemlösungskompetenz der Polizeibeamtinnen und Beamten. In diesem Kontext wurde die Soziale Kompetenz als zentrale Größe diskutiert, die der Erhöhung der Leistungsfähigkeit innerhalb der Polizei und der Wirkungskraft nach außen hin dient. Die Verbesserung der sozialen Kompetenz der Polizeibeamtinnen und Beamten ist damit Teil einer Strategie zur Steigerung von Effektivität und Effizienz und damit von Professionalität. Soziale Kompetenz ist damit Teil einer fachlichen Kompetenz mit für die Polizeiarbeit unverzichtbaren Synergieeffekten bei der Erfüllung polizeilicher Kernaufgaben: Gefahrenabwehr, Prävention, Repression und Opferschutz. Wenn Soziale Kompetenz eine Schlüsselqualifikation in der modernen Polizeiarbeit ist, so ist die interkulturelle Kompetenz von Beamtinnen und Beamten die logische Konsequenz des oben beschrieben Wandels der gesellschaftlichen Struktur in Deutschland. ![]() Spricht man von „Kulturen„, hat man in der Regel größere Gruppen von Menschen vor Augen. Letztlich ist jedoch jeder Einzelne Träger einer besonderen, ihm eigenen Kultur, einer Reihe von Überzeugungen, Gewohnheiten, Verhaltensmerkmalen usw., die ihm anerzogen worden sind, die er kultiviert oder zu unterdrücken versucht. Solche Einzelnen bilden kulturelle Gruppen sowohl im „subjektiven„ Sinne, durch Zugehörigkeitsgefühl und Solidarisierung, als auch „objektiv„, im Sinne einer empirisch feststellbaren Kategorie. In beiden Fällen ist die Gruppendefinition Ergebnis einer Abstraktion: Unter den zahllosen kulturellen Merkmalen jedes Gruppenmitglieds werden einige, allen gemeinsame Merkmale ausgesucht und zu Merkmalen der Gruppe erklärt. Je weiter man diesen Abstraktionsprozess treibt, d. h. je weniger Merkmale man in die Gruppendefinition aufnimmt, desto größer wird die so definierte Gruppe. Im Kontext eines solchen kulturellen Pluralismus scheint es für die tägliche Polizeiarbeit unabdingbar zu sein, ein Konglomerat aus verschiedenen bedeutsamen Teilkompetenzen vorzuweisen. Die erfolgreiche Bewältigung von Einsätzen erfordert zunehmend die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten aushalten zu können. Diese Ambiguitätstoleranz setzt voraus, dass Verhaltensflexibilität und Offenheit eingeübt werden, so dass die Bereitschaft, gewohnte Denk- und Verhaltensschemata zu korrigieren und spontan zu agieren, hoch ist. Eine solche Flexibilität ist prozessorientiert und ermöglicht kreative Lösungen. Diese Kreativität hat jedoch innerhalb der Polizeiarbeit eine natürliche Grenze. Denn nach wie vor sind Beamtinnen und Beamte an gesetzliche Normen gebunden und repräsentieren das staatliche Gewaltmonopol. Interkulturelle Kompetenz als notwendige Qualifikation in der Polizeiarbeit Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Kompetenz im Sinne eines spezifischen „Könnens„ bzw. als eine „Fertigkeit„ verstanden. Kompetenzen umfassen damit das, was ein Mensch wirklich kann und weiß. Wobei mit Kompetenz ein System innerpsychischer Voraussetzungen gemeint ist, das sich in der Qualität sichtbarer Handlungen niederschlägt. Darauf aufbauend definiert Christian Geistmann3 die interkulturelle Kompetenz als die Suche nach einem Ausgleich zwischen eigenen und fremden Interessen und Ansprüchen, die aus unterschiedlichen kulturellen Prägungen herrühren. Damit wird die Fähigkeit beschrieben, über einen um fremdkulturelle Aspekte erweiterten Verhaltensspielraum, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Kulturen anzuerkennen und für die erfolgreiche Interaktion in interkulturellen Überschneidungssituationen im Sinne der übergreifenden interkulturellen Handlungskompetenz umzusetzen. Charakteristisch ist somit die hohe Verhaltensorientierung im Zusammenhang mit der Realisierung der Sachaufgabe.
Das Wissen über die anderen Kulturen, die eigenen kulturelle Sensibilität und die Fähigkeit, zielgerichtet zu handeln, können als strategische Vorteile bei der Erfüllung von Aufgaben fungieren. Wobei letzteres das Ergebnis einer prozesshaften Auseinandersetzung mit eigenen kulturellen Mustern in Einsatzsituationen ist. Die damit verbundene kulturelle Selbstreflexion und die Kenntnis der eigenkulturellen Prägung ist die Basis für eine bessere Kommunikation mit Menschen anderer Kulturen. An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass Polizistinnen und Polizisten nicht zur Anthropologen umgeschult werden sollen. Das spezifische Wissen über andere Kulturen kann nur im Bezug auf jene kulturelle Gruppen antrainiert werden, die empirisch am häufigsten mit der Polizei in Kontakt stehen. PolizistInnen mit Migrationshintergrund Interkulturelle Kompetenz – ein Selbsttest |